Neue Qualität der Nachrichtenvermittlung durch Social Media

04.12.2009 14:10 von Zedlacher

Blogger und Web 2.0-Experte Luca Hammer im Interview über den Uni-Protest, die Rolle der sozialen Medien bei der Uni-Besetzung und die Zukunft der Nachrichtenvermittlung.

Medienverband: Spontan, nicht organisiert heißt es, sei die Besetzung des Audimax zu Stande gekommen. Ein Aufruf an tausende Studierende. Welche Rolle nehmen die sogenannten „Sozialen Medien" bei dieser Aktion ein?

Luca: Social Media nahm vor Allem die Rolle ein, die Aktion zu verstärken.

Der Aufruf lief jedoch noch über die klassischen Medien wie Telefon/Handy, SMS und über die persönlichen Netzwerke der Studierenden. Die neuen „sozialen Medien" waren und sind wichtig, um Informationen nach Außen zu tragen und im Weiteren, um MitstreiterInnen anzuwerben.

Medienverband: Welche Rolle nimmst du bei der Protest-Aktion ein?

Luca: Ich habe über Twitter von den Uniprotesten erfahren und war am Anfang etwas skeptisch und nicht so ganz sicher was das Ganze soll. Am Freitag nach dem „Start" bin ich das erste Mal hingegangen und hab mir die angeschaut, was da passiert. Ich war ein bisschen enttäuscht. Das Audimax war verraucht, es wirkte unorganisiert und chaotisch.

Im ersten Plenum in dem ich dabei war, wurden die Arbeitsgruppen vorgestellt, die erste Großdemo wurde angekündigt und es haben sehr viele unterschiedliche Leute ihre Vorstellungen zu dieser Aktion geäußert. Das war sehr spannend und ich begann dann übers Handy zu streamen. Die Ton- und Videoqualität war aber sehr schlecht. Somit startete ich am Samstag, ausgerüstet mit Laptop und Kamera, einen Live-Stream.

Medienverband: Normalerweise nehmen die traditionellen Medien die Rolle ein, eine Öffentlichkeit zum Thema herzustellen. Diesmal sind es die Studierenden selbst, die via Internet andere am Geschehen teilhaben lassen, bzw. auch selbst Medienarbeit übernehmen.

Luca: Ich würde sagen, es war eine Kombination aus traditionellen und neuen Medien, die eine Öffentlichkeit herstellten. Zuerst waren es die größeren Medien die darüber berichtet haben, Social Media wirkte eher verstärkend. Anfangs twitterten nur wenige Leute, aber dadurch wurden auch wieder andere Medien auf die Sache aufmerksam, was eigentlich los ist.

Medienverband: Was war nun zuerst da? Die Henne oder das Ei?

Luca: Ich glaube, man kann das nicht so genau voneinander abgrenzen. Es entstand eine Art Wechselwirkung.

Medienverband: Wird die Protestaktion durch den Einsatz von Social Media transparenter, demokratischer?

Luca: Das auf jeden Fall. Einer der Hauptgründe warum ich den Live-Stream machte war, um die Aktionen im Audimax nach Außen kommunizieren. Wir konnten somit Negativ-Kommunikation entgegen wirken. Es gab z.B. vom Rektor die Anschuldigung, die Beschädigungen in der Uni beliefen sich auf 100.000 Euro. Andere Medien meinten, die Studenten machen nur Party und zerstören alles. Durch den Livestream konnte gezeigt werden, was wirklich passiert und dass viel gearbeitet wird.

Medienverband: Wie wichtig ist Medienkompetenz unter den Studenten?

Luca: Ich glaube, der Protest hat die Medienkompetenz der StudentInnen an sich schon gefördert, weil diese sich nun mit Medienarbeit beschäftigen mussten. Welche Fotos gelangen nach Außen, was darf gefilmt werden, etc.? Ihnen wurde bewusst, wie öffentlich die Aktion ist und dass es Konsequenzen zu jeder Handlung gibt.

Außerdem haben die Studierenden dort erst mitbekommen welche Möglichkeiten Facebook und Twitter bieten. Es war spannend das zu beobachten und es war schön zu sehen, dass sie sich wirklich dafür interessieren.

Medienverband: Wird's in Zukunft eine Art sozialen Digital Divide geben?

Luca: Ich glaube nicht, dass man Digital Divide auf soziale Gruppen beschränken kann. Es gibt diesen Digital Divide und wird ihn auch immer geben. Es gibt Gruppen die sich mit dem Internet und all seinen Möglichkeiten intensiver beschäftigen, andere weniger. Mir ist aufgefallen, dass das Alter, gerade bei den Social Media-Anwendungen, keine große Rolle mehr zu spielen scheint. Ältere haben das Twitter viel früher entdeckt, die Jüngeren sind nachgezogen. Die Jüngeren haben wiederum andere Netzwerke. Es gibt einfach unterschiedliche Präferenzen in der Nutzung.

Medienverband: Wo siehst du die Zukunft der „Sozialen Medien"?

Luca: Naja, ich bin kein Hellseher und glaube nicht, dass man Social Media begrenzen kann.

Ich glaube, es werden viel mehr Leute anfangen Informationen von sich zu geben. Es entsteht somit eine neue Qualität an Nachrichten. Es wird mehr Menschen geben, die Nachrichten verbreiten und selbst Nachrichtenhersteller sind.

Welche Rolle klassische Medien, wie Zeitungen einnehmen, wird sicher interessant. Denn Neuigkeiten und Informationen kann ich heute viel schneller bekommen als über eine Zeitung. Auch wird der Informationsweg über einen Journalisten bzw. ein Medium umgangen. Zeugen von Ereignissen können über die Plattformen schneller und direkter kommunizieren und haben wiederum gegenüber den klassischen Medien eine Korrekturfunktion. Zum Beispiel wurde vieles über #unibrennt geschrieben, was so nicht richtig war. Ich werfe den Medien nicht vor, absichtlich falsche Sachen geschrieben zu haben, sie haben es halt so mitbekommen. Über den Livestream und Facebook, etc., hatten wir die Möglichkeit solche Meldungen richtig zu stellen und unsere Sicht der Dinge kund zu tun.

Medienverband: Wie empfindest du das „Zusammenleben" von Websites und sozialen Plattformen? Du hast einmal getwittert, dass Homepages eigentlich nicht mehr gebraucht werden.

Luca: Das stimmt teilweise.

In der er ersten Woche hatten wir eine halbe Million Zugriffe auf der unsreuni.at-Homepage. Das war aber nicht alles. Auf Facebook waren es zusätzliche 200.000 Zugriffe, der Livestream liegt momentan bei einer halben Million Zugriffe. StudiVZ ist gleich stark mit Facebook, jedoch kommt von StudiVZ mehr Traffic auf unsere Homepage. Über Twitter waren es bis jetzt 35.000 Tweets.

Es sind sehr viele Säulen über die wir die Leute erreichen und es wär somit nicht schlimm, wenn eine davon wegbricht. Die Website ist eine von mehreren Säulen. Sie ist wichtig um Informationen für JournalistInnen zur Verfügung zu stellen. Facebook ist vor allem da um die Leute direkt zu erreichen, direkter zu kommunizieren und auch diskutieren zu können. Die Website nimmt eine eher passive Rolle ein, die sozialen Plattformen hingegen eine aktive.

Für Leute die nicht so webaffin sind braucht es trotzdem die Website - hier werden die Informationen aus anderen Kommunikationskanälen gesammelt.

Medienverband: Was kannst du freien (Online)-Medien mitgeben um die Herausforderungen des Internets zu meistern?

Luca: Auf die User hören. Das kann ich aber eh jeder Firma sagen und jedem Medium.

Konkret auf Medien bezogen: User veröffentlichen gerne Inhalte, auch die die keinen eigenen Blog haben.

Wenn man sich außerdem auf einen Spezialbereich konzentriert, ist es wahrscheinlich besser, als wenn man alles machen will. Traditionelle Medien wollen manchmal alles abdecken und schaffen das aber nicht wirklich. Ich sehe die Zukunft eher für Experten.

Links:

2-Blog: Aus dem Alltag der Medienzukunft

 

 





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(Victoria Zedlacher)

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